Der Fotograf Nikita Teryoshin sucht die Wahrheit in Momenten, die andere übersehen. Ob Parteitag, Waffenmesse oder Milchindustrie: Seine Arbeiten zeigen, wie absurd und künstlich Politik, Militär und Industrie oft inszeniert werden.

EIN INTERVIEW

Nikita Teryoshin fotografiert dort, wo die Inszenierung bröckelt. Seine Genres bezeichnet er selbst als „Street, Documentary & Everyday Horror“. Ob auf globalen Waffenmessen, in der technisierten Milchindustrie oder auf deutschen Bundesparteitagen: der in St. Petersburg geborene Fotograf sucht den ungeschönten, echten Eindruck hinter den Hochglanz-Fassaden.

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Nikita Teryoshin wurde am 03.12.1986 in Leningrad geboren und lebt in Berlin. © Nikita Teryoshin

Nicht das heroische Bild findet Teryoshin spannend, sondern das Absurde: Sekt und Häppchen neben Kampfjets oder der Müllberg nach einer politischen Rede.

Seine Arbeiten, wie das preisgekrönte Projekt „Nothing Personal“ oder sein neues Buch „Game of Chairs“, haben allesamt etwas Entlarvendes. Sie zeigen eine Welt, die sich hinter Kulissen und Marketing-Slogans versteckt. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über seine Rolle als „Alien“, den Zynismus der Rüstungsindustrie und warum er oft erst dann ein Foto aufnimmt, wenn die Scheinwerfer bereits aus sind.

Herr Teryoshin, Sie sind in St. Petersburg geboren, in Dortmund aufgewachsen und leben heute in Berlin. Sie bezeichnen sich manchmal selbst als „Alien“. Hilft dieses Gefühl, nirgendwo ganz dazuzugehören, bei Ihrer Arbeit?

Nikita Teryoshin: Ja, dadurch, dass ich in einem prägenden Alter ausgewandert bin, fühle ich mich überall ein bisschen wie ein Außenseiter. Aber genau dieser Blick von außen hilft mir extrem, wenn ich auf Messen oder Parteitagen unterwegs bin. Den Leuten, die dort arbeiten, fallen viele absurde Dinge gar nicht mehr auf, weil sie sie als selbstverständlich ansehen. Ich sehe sie sofort.

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Ihr Vater war Bühnenbildner beim Fernsehen. Hat das Ihr Auge für die künstlichen Welten geschärft, die Sie heute fotografieren?

Das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden. In den 90er-Jahren war ich als Kind oft bei ihm auf der Arbeit. Es war faszinierend zu sehen, wie Dinge in der Realität aussahen, die später im Fernsehen ganz anders wirkten. Daher kommt wahrscheinlich mein Drang, das zu hinterfragen, was hinter den Kulissen in Wirklichkeit passiert und von Marketing gerne überdeckt wird.

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Nikita Teryoshin zeigt in seinen Bildern den Blick hinter die Kulissen: ungewöhnliche Perspektiven, oft nicht im Zentrum der Berichterstattung. © Nikita Teryoshin

Ein aktuelles Beispiel dafür ist Ihr Projekt „Game of Chairs“, für das Sie jahrelang Bundesparteitage fotografiert haben. Was hat Sie an diesen Veranstaltungen gereizt?

Mich haben die Parteitage, die ich aus der „Heute Show“ kannte, irgendwie auch an Messen erinnert und die hatte ich zuvor schon oft besucht. Es wird unfassbar viel Aufwand für das perfekte Fernsehbild betrieben: Kulissen werden gebaut, tonnenweise Kabel verlegt, alles ist perfekt ausgeleuchtet. Ich wollte diese heroische Inszenierung unterlaufen und zeigen, was passiert, wenn die Kameras aus sind.

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Was sieht man in diesen Momenten, die dem normalen Zuschauer verborgen bleiben?

Wenn die Abgeordneten die Halle verlassen, sieht es dort oft aus wie nach einem Metal-Festival. Der Boden ist übersät mit Müll und Plastikbechern. Einmal habe ich stundenlang gewartet, bis bei der CDU die riesigen Buchstaben von der Bühne abgebaut wurden. In diesem Moment wird die ganze mühsam aufgebaute Corporate Identity buchstäblich von der Wand gerissen. Das ist die Realität hinter der Fassade.

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Für diese Aufnahme wartete Nikita Teryoshin mehrere Stunden nach dem offiziellen Ende eines Parteitags. © Nikita Teryoshin

Ihre unkonventionelle Art, solche Szenen festzuhalten, stößt nicht überall auf Gegenliebe. Es gab sogar Kritik aus Fachkreisen.

Ja, nach den ersten Bildern gab es einen kleinen Shitstorm in einer Facebook-Gruppe für Bildredakteure. Kollegen meinten, ich müsse erst mal lernen, wie man richtig blitzt, oder dass das „einfach nur scheiße“ sei. Aber als andere anfingen, die Bilder zu verteidigen, wurde es den Kritikern peinlich und viele der negativen Kommentare wurden gelöscht, man kann sie leider nicht mehr finden. Für mich war das ein gutes Zeichen: Die Bilder polarisieren und lassen niemanden kalt.

„Letztes Jahr in Rio küsste ein iranischer Vertreter leidenschaftlich den Flügel einer Drohne.“

Nikita Teryoshin

Diese Form der Inszenierung ziehen Sie auch in Ihrem Langzeitprojekt „Nothing Personal“ über den globalen Waffenhandel durch. Wie kamen Sie in diese verschlossene Welt der Rüstungsmessen?

Der Auslöser war eigentlich die Messe „Jagd & Hund“ in Dortmund. Mich hat schockiert, wie sehr sich Menschen aller Altersgruppen von Jagdgewehren angezogen fühlen. Das führte mich zu den großen „Defense Fairs“, die für die Öffentlichkeit eigentlich dicht sind. Dort herrscht ein unglaublicher Zynismus.

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Empfang mit kühlen Drinks und Fingerfood am Stand eines französischen Hubschrauberherstellers auf der Rüstungsmesse MSPO 2016 in Kielce. © Nikita Teryoshin

Inwiefern zeigt sich dieser Zynismus vor Ort?

Es ist ein extremes Paralleluniversum. Bei einer Messe in Kielce, Polen, gab es einen Empfang zwischen Kampfhubschraubern, die gerade von Missionen zurückkamen. Schick gekleidete Leute hantierten bei gutem Wetter mit Waffen, während daneben Sekt, Parmesan und Feigen serviert wurden. In Abu Dhabi gab es sogar eine Kriegstorte und letztes Jahr in Rio küsste ein iranischer Vertreter leidenschaftlich den Flügel einer Drohne. Die Slogans der Firmen setzen dem Ganzen die Krone auf: Lockheed Martin wirbt mit „Engineering a Better Tomorrow“ und Kalaschnikow mit „70 Years Defending Peace“. Man verkauft das Töten als Friedenssicherung.

Wie blicken Sie vor diesem Hintergrund auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine?

Es ist für mich kaum auszuhalten. 2019 war ich noch auf einer Waffenmesse in St. Petersburg – genau an dem Hafen, wo ich als Kind mit meiner Mutter eine Automesse besucht hatte. Zwei Tage nach Kriegsbeginn habe ich ein Bild meines brennenden russischen Passes unter dem Titel „Not in My Name“ gepostet. Den Erlös aus dem Verkauf der Poster Edition habe ich an humanitäre Organisationen in der Ukraine gespendet.

„Da konnte ich gar keine Fotos mehr machen.“

Nikita Teryoshin

Neben der Politik und dem Militär widmen Sie sich auch intensiv der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Gibt es da eine Verbindung zu den Waffenmessen?

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Ein Besucher zeigt einem Affen im Leipziger Zoo den Mittelfinger. © Nikita Teryoshin

Absolut. Meistens finde ich den Umgang mit Tieren sogar noch schlimmer. In der modernen Milchindustrie leben Kühe in einer matrixartigen, komplett künstlichen Welt an Schläuchen, teilweise ohne jemals eine Wiese zu sehen. Das wird durch Werbung massiv kaschiert. In Zoos ist es ähnlich: Ich stand neulich vor depressiven Gorillas, während Schilder die Besucher warnten, keine großen Objektive zu benutzen, um die Tiere nicht noch mehr zu stressen. Da konnte ich gar keine Fotos mehr machen.

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Ihre Projekte sind oft sehr aufwendig und dauern Jahre. Wie finanzieren Sie diese Unabhängigkeit, etwa bei Ihrem neuen Buch „Game of Chairs“?

Die Verlagswelt ist schwierig geworden; oft soll man als Künstler zehntausende Euro mitbringen. Deshalb habe ich meinen eigenen kleinen Verlag „pupupublishing“ gegründet und nutze Crowdfunding zur Finanzierung. Das ist demokratisch und man ist direkt mit den Menschen verbunden, die die Arbeit schätzen.

Wo zieht es Sie als Nächstes hin? Bleiben Sie den „Backstages“ der Macht treu?

Mein Fokus wird definitiv politisch bleiben. Zuletzt war ich in Katar und habe das Thema „Artwashing“ bei der Art Basel fotografiert, also wie Länder ihr Image durch Kunst und prominente Gesichter wie David Beckham aufpolieren. Es ist wohl einfach mein Ding, diese spezielle Mischung aus politischer Inszenierung und dem, was dahinter liegt, zu erkunden. In diese Richtung wird es weitergehen.

Über den Gesprächspartner

  • Nikita Teryoshin ist ein in St. Petersburg geborener und in Deutschland aufgewachsener Fotograf, der sich auf die dokumentarische Beobachtung politischer, gesellschaftlicher und industrieller Inszenierungen spezialisiert hat.