Seit 2025 sind die Missbrauchsfälle in verschiedenen SOS-Kinderdörfern in Österreich bekannt, nachdem Betroffene jahrelang um Gehör und Gerechtigkeit gerungen haben. In ihrem Buch schildert Marina Camilla Hubmann eindrücklich Gewalterfahrungen aus der Sicht einer Betroffenen.

„Eine falsche Bewegung, ein falsches Geräusch aus irgendeinem verzogenen Möbelstück, und die Kinderdorfmutter würde überlebensgroß vor mir stehen und mir die Nacht zur Hölle machen. Millimeter für Millimeter erhob ich meinen Oberkörper im finsteren Zimmer. Ich atmete so flach, wie ich konnte, denn manchmal wachte Emma Leser vom sanften Hauchen meiner Luftröhre auf und schlug mich zurück in den Schlaf.“

SOS-Kinderdörfer sollten sich eigentlich für den Schutz von Kindern einsetzen. Spätestens seit 2021 ist bekannt: in den vergangenen 30 Jahren wurden zahlreiche Kinder Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch. 2025 wurden mehrere Vorwürfe des Missbrauchs an Kindern in SOS-Kinderdörfern in Österreich publik. Einer davon ist Marina Camilla Hubmann und in „Kinderdorf – Die Geschichte einer Betroffenen“ verarbeitet sie ihre Erlebnisse.

SOS-Kinderdorf: Rettung vor dem Stiefvater?

Im Alter von sieben Jahren kommt Marina Camilla Hubmann mit ihrer Schwester und zwei Brüdern ins SOS-Kinderdorf in Stübing. Die vier Geschwister landen dort, weil die Mutter überfordert ist und der Stiefvater sie und die Kinder schlägt. Marina ist vier Jahre alt, als er sie erstmals sexuell missbraucht.

Statt einem schönen Zufluchtsort erwartet die Protagonistin im Schloss Stübing das Grauen. Die Kinderdorfmutter, der Hubmannim Buch den Namen Emma Leser gibt, misshandelt sie und ihre Geschwister regelmäßig, während alle anderen tatenlos zusahen.

„Es gab Gewalt in unserem Dorf und alle wussten das.“

Marina Camilla Hubmann

„In Stübing lebten mehrere Kinderdorf-Familien. Vor jedem Haus stand ein großer Tisch aus Holz, an dem die Kinderdorfmütter mit anderen Angestellten und Zivildienern Kaffee tranken. An diesen Tischen tratschten und lachten sie. Diese Tische machten aus Nachbarn Mittäter. Die gewalttätigen Betreuerinnen schlugen uns vor versammelter Belegschaft. […] Es gab auch Kinderdorfmütter, die nicht zuschlugen. Die Kinder in diesen Häusern beneideten wir. Aber selbst jene, die gewaltlos blieben, sahen tatenlos zu. Das Prinzip war einfach. Es gab Gewalt in unserem Dorf und alle wussten das“, schreibt Hubmann in ihrem Buch.

Flucht in Fantasiewelten

Weil ihr leiblicher Vater ihr zu Weihnachten einen Teddy schickt, bekommt sie Prügel und nichts zu essen. Sie wird geschlagen, wenn sie sich auf der Blockflöte verspielt oder beim Singen den Text nicht beherrscht. Weil der Kinderdorfmutter ihre langen Haare nicht gefallen, reißt sie sie ihr büschelweise aus.

Nur durch ihre Fantasie gelingt Marina für manche Augenblicke die Flucht in eine bessere Welt. Sie stellt sich vor, wie ein Autofahrer sie auf dem Schulweg aufliest und adoptiert, ein Drache mit ihr davonfliegt oder Actionhelden wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone zu ihrer Rettung herbeieilen. Aber nichts davon geschieht.

Auch im Glauben an einen Gott, findet sie keine Zuflucht: „‚Wo bist Du?‘ Gott schwieg und verärgerte mich sehr. Die Menschen hatten mich enttäuscht und Gott tat dasselbe. Er ließ mich in meiner Sehnsucht nach einer echten Mutter und einem echten Vater, mit meinem Wunsch nach liebenden Eltern, völlig allein zurück.“

Der Schein perfekter Kinderdorf-Idylle trügt

Stattdessen geht das Martyrium weiter. Zu besonderen Anlässen – beispielsweise wenn großzügige Spender das Kinderdorf besuchen oder Fotoshootings für Weihnachten anstehen – werden die Kinder nur auf den Rücken, die Schultern, den Bauch oder die Oberschenkel geschlagen. Unterschenkel, Arme und Gesicht lässt die Kinderdorfmutter aus, damit die Kinder vorzeigbar sind und möglichst viele Spenden generieren.

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Ein gigantischer Skandal

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„Wir Kinderdorfkinder taten vor allem jenen leid, die uns nicht kannten. Menschen in der Stadt, Unbekannten fernab der Häuser. Jene, die uns kannten, fanden uns nicht bemitleidenswert. Alle, die uns ganz nah waren, schlugen auf uns ein und ließen sich dafür als Wohltäter feiern“, schreibt Hubmann.

Mit Schädelhirntrauma im Krankenhaus

In der Chronologie der Ereignisse, die sich im Anhang des Buches befindet, sticht insbesondere ein Vorfall hervor: 1992 erleidet Marina Camilla Hubmann auf dem Sportplatz eine schwere Kopfverletzung, Diagnose: Schädelbasisbruch, Schädel-Hirn-Trauma und Blutgerinnsel vor dem Gehirn.

Als man sie zur Kinderdorfmutter bringt, holt diese nicht sofort einen Arzt, sondern schlägt dem Mädchen auf den bereits blutenden Kopf. Marina wird immer wieder ohnmächtig und mit reichlich Verzug ins Krankenhaus gebracht.

Gründer im Visier

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Neben schweren Schädelverletzungen treten neurologische Ausfälle wie eine halbseitige Lähmung sowie zahlreiche andere vorübergehende und bleibende Schäden auf. Bis heute leidet Marina Camilla Hubmann an massiven Schwindelanfällen, Tinnitus, Migräne, zahlreichen Phobien, wiederkehrenden Schwindel- und schweren Panikattacken.

Mutter holt Kinder aus SOS-Kinderdorf

Ein Ereignis führt schließlich zum Auszug der Geschwister aus dem SOS-Kinderdorf. In ihrem Buch schildert Hubmann den Vorfall wie folgt: „Mein kleiner Bruder Alessandro bat Emma Leser um etwas Schokolade. „Darf ich?“ Seine Stimme klang hell und freundlich. „Nein.“ „Darf ich bitte?“ Alessandro ließ nicht locker. Emma Leser stand auf, ging ruhig durch das Haus und sammelte sämtliche Schokolade zusammen, die sie finden konnte. „Da! Aufessen!“ Als Alessandro nicht mehr konnte, stopfte sie ihm Stück um Stück in den Mund. Wir mussten sitzen bleiben und zusehen. Mein kleiner Bruder weinte und erbrach. Emma Leser sprang auf, rannte lächelnd in die Küche und kehrte mit einem Suppenteller und einem Löffel zurück. Mit dem Teller fing sie das Erbrochene des Buben auf und zwang ihn, es mit dem Löffel zu essen.“

Daraufhin gelingt es dem Jungen, die Mutter anzurufen. Sie holt ihre Kinder nach vier Jahren Gewalterfahrungen im SOS-Kinderdorf ab. Als sie erwachsen ist, zeigt Marina Camilla Hubmann die ehemalige Kinderdorfmutter an. Vergebens, denn die Tatvorwürfe sind bereits verjährt. 2018 geht die Kinderdorfmutter als Angestellte der SOS-Kinderdörfer unbehelligt in Pension.

Zur Autorin

  • Marina Camilla Hubmann kam mit sieben Jahren in ein SOS-Kinderdorf. Dort sollte sie Geborgenheit und Schutz bekommen. Stattdessen fand sie sich in einem Gefängnis aus Schrecken und Angst wieder.
  • In ihrem Buch lässt Hubmann eine Betroffene erzählen. Die Geschichte handelt von Macht, Missbrauch und Manipulation – und vom Seelenzustand von Kindern, die nicht mehr auf Hilfe hoffen können, weil die vermeintlichen Helfer schon da sind.
  • Co-Autor Maximilian T. Gut arbeitet seit 1997 an konvergenten digitalen Medienprojekten. Er ist langjähriger Kommunikationstrainer, Journalist und Autor.