Mikaela Shiffrin hat alles gewonnen – und spricht dennoch offen über Zweifel, Angst und mentale Erschöpfung. Immer mehr ihrer Kolleginnen und Kollegen brechen das Schweigen über psychischen Druck. Olympiasieger Markus Wasmeier erklärt, warum mentale Gesundheit heute als Teil von Spitzenleistung gilt.
Mentale Gesundheit ist im Wintersport längst kein Tabuthema mehr. Athletinnen wie Mikaela Shiffrin sprechen offen über Zweifel, Angst und mentale Erschöpfung – und verändern damit den Blick auf Spitzenleistung. Olympiasieger Markus Wasmeier ordnet diesen Wandel ein.
Mikaela Shiffrin hat alles gewonnen, was es im alpinen Skisport zu gewinnen gibt: Weltcupsiege in Serie, Olympisches Gold, historische Bestmarken. Und doch ist sie eine der Athletinnen, die offen über Zweifel, Angst und mentale Erschöpfung gesprochen haben.
Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2020 beschrieb Shiffrin öffentlich Phasen von Orientierungslosigkeit, Konzentrationsproblemen und dem Gefühl, den eigenen Erwartungen nicht mehr gerecht werden zu können. Sie ließ Rennen aus, nahm sich Zeit – und erklärte, dass Erfolg nicht automatisch vor inneren Krisen schützt.
Die Zeiten der verwegenen Haudegen sind vorbei
Shiffrins Offenheit markiert einen Wendepunkt im Wintersport. Wenn selbst die erfolgreichste Skifahrerin der Geschichte über mentale Belastung spricht, verliert das Thema seinen Randstatus und wird enttabuisiert. Mentale Gesundheit ist kein individuelles Problem mehr, sondern Teil der sportlichen Realität.
„Skifahren ist immer ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt der zweimalige Olympiasieger Markus Wasmeier im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das war zu meiner Zeit nicht anders als heute.“ Was sich geändert hat, ist allerdings der Umgang damit. Früher galten vor allem die Speedfahrer als verwegen, unerschrocken und draufgängerisch – einer, wie der als ‚Herminator‘ stilisierte Hermann Maier es war.
Zur österreichischen Ikone wurde Maier spätestens bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano, als er drei Tage nach einem fürchterlichen Sturz im Abfahrtslauf die Goldmedaille im Super-G gewann. „Ich hatte Angst zur Seite zu schauen, weil ich davon ausging, dass mir das Schlüsselbein raussteht“, beschrieb er 2023 bei Servus TV die Momente nach dem Sturz. Was dieser Schock mit seiner Psyche machte, gab er jedoch nicht preis.
Der Druck hinter Medaillen und Startnummern
Wasmeier, selbst zweifacher Olympiasieger 1994 in Lillehammer, weiß genau, dass Wintersport von diesen Extremen geprägt ist. Kurze Saisons, hohe Geschwindigkeiten, ein gnadenloser Vergleich von Zeiten und Platzierungen. Ein Fehler, ein Sturz, ein verpatzter Lauf – und Monate der Vorbereitung sind wertlos. Gerade in Einzelsportarten wie Ski alpin, Biathlon oder Snowboarden ist der Druck maximal, weil Erfolg und Misserfolg unmittelbar personalisiert werden.
Wasmeier beschreibt, wie schnell mentale Prozesse kippen können: „Manchmal ist alles gleich – Material, Bedingungen, Vorbereitung – und trotzdem kommst du nicht vorwärts. Dann beginnt im Hochleistungssport sehr schnell das Zweifeln.“
Hinzu kommen Reisen, Isolation, Verletzungen und die permanente öffentliche Bewertung. Wer nicht liefert, verschwindet schnell aus dem Fokus. Mentale Stabilität wird so zur stillen Voraussetzung für Leistung – lange Zeit, ohne darüber zu sprechen. „Der Kopf macht im Skisport 90 Prozent aus“, sagt Wasmeier.
Eine neue Offenheit im Wintersport
Doch dieses Schweigen bröckelt. Immer mehr Athletinnen und Athleten machen öffentlich, was früher als Schwäche galt. Die deutsche Skirennfahrerin Kira Weidle-Winkelmann sprach offen über Selbstzweifel und mentale Blockaden. Alexis Pinturault thematisierte Phasen mentaler Erschöpfung und Identitätsfragen nach Verletzungen und Rückschlägen.
Besonders prägend war auch der Weg von Chloe Kim, die sich als Olympiasiegerin im Snowboarden bewusst aus dem Wettkampfbetrieb zurückzog, um ihre mentale Gesundheit zu schützen. Ihre Entscheidung machte deutlich: Nicht der Rückzug ist erklärungsbedürftig, sondern das Ignorieren eigener Grenzen.
Für Wasmeier ist diese Entwicklung ein notwendiger Fortschritt: „Ich empfinde diese Offenheit als sehr positiv. Früher hattest du schnell das Gefühl: Wenn du über Zweifel sprichst, giltst du als schwach.“ Die neue Generation eint weniger ein gemeinsames Problem als eine gemeinsame Haltung. Sie definiert Stärke neu – nicht als Unverwundbarkeit, sondern als Fähigkeit zur Selbstreflexion.
Ein System lernt langsam dazu
Verbände und Trainerteams reagieren auf diesen Wandel. Sportpsychologische Betreuung ist heute in vielen Nationalmannschaften fester Bestandteil der Vorbereitung. Gespräche über mentale Gesundheit finden zunehmend präventiv statt, nicht erst im Krisenfall.
Wasmeier betont dabei die Bedeutung von Vertrauen im direkten Umfeld: „In jeder Mannschaft brauchst du jemanden, bei dem du Sorgen einfach abladen kannst. Das muss kein Trainer sein – oft sind es Physiotherapeuten oder Servicemänner, weil sie neutral sind und zuhören.“ Letztere hätten schon zu seiner aktiven Zeit diese Funktion übernommen.
Gleichzeitig bleibt das Spannungsfeld bestehen. Der Leistungsdruck ist real, die Erwartungshaltung von Öffentlichkeit, Medien und Sponsoren hoch. Offenheit wird akzeptiert – solange die Ergebnisse stimmen. Fällt die Leistung ab, wird mentale Gesundheit schnell wieder relativiert.
Wasmeier: „Dann denkst du nicht mehr nach“
Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieser Wandel gerade jetzt sichtbar wird. Die neue Generation ist – zumindest in großen Teilen – bereit, offen über mentale Belastung zu sprechen, ohne ihre Leistungsbereitschaft infrage zu stellen. Sie begreift mentale Gesundheit nicht als Gegenpol zum Erfolg, sondern als dessen Grundlage.
Mikaela Shiffrin steht sinnbildlich für diesen Perspektivwechsel. Sie hat gezeigt, dass selbst die Besten zweifeln dürfen – und dass genau darin eine neue Form von Stärke liegt. Oder, wie es Markus Wasmeier formuliert: „Sobald wieder kleine Erfolgserlebnisse da sind, wird Skifahren selbstverständlich. Dann denkst du nicht mehr nach – du fährst einfach.“
Zur Person
- Markus Wasmeier (62) ist ein ehemaliger deutscher Skirennläufer und zweifacher Olympiasieger (1994). Nach seiner aktiven Karriere arbeitet er als TV-Experte und Kommentator und gilt als profunder Kenner des alpinen Skisports.





